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Von Kunstverständnis und Kulturverdrossenheit

aus

"Der Tanz über das Seil"

Ki Kaenpufuru
08.05.2011


Im Zusammenhang mit dem Begriff "Gesellschaft" steht zwingend auch immer das Wort "Kunst". Ach, wie weh mir wird, wenn ich daran denke, wie sehr der Kunstbegriff heutzutage doch leiden muss. "Was ist Kunst?", fragt man sich nun.
Im klassischen Sinne ist die Kunst jede Art von Arbeit und Handwerk, sie wurde erlernt und unterlagen strengen Regeln. Die so genannten "freien Künste" waren lediglich die Art von Kunst, die keinem materiellen Zweck dienten, sondern nur der Bereicherung des Geistes. Dieses Motiv fand besonders in der Weimarer Klassik noch einmal in die Literatur zurück.
Später wandelte sich das Bild in der Art, dass Künste mittlerweile keinerlei Regeln mehr unterliegen, wodurch vor allem das Wesen der Architektur ihren typischen Charakter zwischen absoluter Freiheit und physikalischen Gesetzen erhielt. Wer heutzutage also eine leere Leinwand als Kunstwerk darstellt, mag vielleicht hier und dort auf Unverständnis stoßen, aber existiert laut Definition kein Argument, das gegen die Bezeichnung des Kunstwerkes spricht.

Doch ist das nicht ein Widerspruch? Wenn Kunst keine Regeln kennt, ist dann nicht alles Kunst? Mein Lehrer in Kunst und Gestaltung sagte einst:

"Kunst ist Selbstbefriedigung."

Dieser eine Satz ging mir nicht mehr aus den Kopf, denn er bringt den Sachverhalt auf den Punkt.

Betrachten wir es zu erst einmal aus Sicht des Künstlers. Der Künstler schreibt ein Gedicht frei nach Schnauze. Ihm muss es gefallen. Er muss sich dadurch befriedigt fühlen. Meist geschieht dies durch Verarbeiten von Themen, Gefühlen oder anderen Dingen, die ihn beschäftigen. Ist diese Befriedigung nicht der Fall, ist es für ihn im Sinne eines Wertebegriffs keine Kunst.
Heißt: Der Künstler bestimmt den ursprünglichen, persönlichen Wert eines Kunstwerkes und auch den ursprünglichen, persönlichen Inhalt.

Schauen wir uns den Sachverhalt nun aus Sicht des Betrachters an. Der Künstler hat das Gedicht veröffentlicht und es wird von vielen verschiedenen Menschen unterschiedlich aufgenommen.
Einen Betrachter nimmt das Kunstwerk emotional sehr stark mit. Er erlebt vielleicht eine Katharsis oder er bricht in lautes Lachen auf, obwohl das Werk vom Autor eigentlich sehr tragisch gemeint war. Für ihn hat das Kunstwerk einen bedeutenden emotionalen Werk.
Der nächste Betrachter entnimmt dem Kunstwerk eine besondere Aussage. Hierbei ist es komplett uninteressant, ob es eine Aussage ist, die der Künstler beabsichtigt hat. Für ihn hat das Kunstwerk im Bezug auf seine Aussage einen großen Wert.
Der dritte Betrachter kann mit dem Kunstwerk absolut nichts anfangen. Man kann es mit der leeren Leinwand vergleichen, die ich oben erwähnt habe.
Dies sind nur drei sehr einfach gehaltene Beispiele. Im Idealfall fällt die Wertung eines Werkes um ein Vielfaches komplexer aus. Diese drei Beispiele sollen allerdings zeigen, dass der Künstler selbst für die Betrachtung des Werkes absolut keine Rolle spielt. Sie ist vollkommen subjektiv.

Kurz gesagt:
"Kunst liegt im Auge des Betrachters."
Oder eben:
"Kunst ist Selbstbefriedigung."

Nun gibt es aber besonders heutzutage in unserer Gesellschaft sehr viele Menschen, die sich dieses Zusammenhanges nicht bewusst sind. So dominiert in der Kunst leider eine Prostitutionsmentalität.
Früher sowie heute gab und gibt es Künstler, und ich rede von freien Künsten, die sich ganz und gar ihrer Kunst hingeben, diese verkaufen und versuchen, davon zu leben. Es gibt keinerlei Einwände gegen einen derartigen Verkauf, solange die Kunst denn auch die Kunst finanziert. Da aus Westen jedoch der Kapitalismus eingezogen ist, ändert sich der Sachverhalt drastisch. Mittlerweile ist es oftmals nicht mehr so, dass Kunst verkauft wird, um Kunst zu finanzieren. Stattdessen wird billige Kunst produziert, um Geld zu machen oder sich durch die Konsumenten Anerkennung einzureden. Die Produzenten - ich wage es nicht länger, in dem Zusammenhang von "Kunst" und "Künstlern" zu sprechen - wollen durch die Produktion ihre niederen Herdentriebe befriedigen und in Geld schwimmen.
Dies widerspricht in extremem Maße dem individuellen und freien Charakter der Kunst.

Noch drastischer ist sogar die Behinderung wirklicher Künstler. Die Konsumenten falscher "Kunst" haben sich mittlerweile so sehr an sie gewöhnt, dass sie Gleiches von wirklichen Künstlern erwarten. Qualität spielt keine Rolle mehr, es geht nur noch um Konsum und hohe Quantität.

Was soll man als Künstler tun, um sich von Konsumenten nicht die Kunst verderben zu lassen? Wer bis hierhin aufmerksam gelesen hat, sollte meine Antwort bereits kennen:
Dem Künstler kann der Betrachter vollkommen egal sein. Er macht die Kunst schließlich nur für sich.

Der eine oder andere wird nun vermutlich entsetzt mit dem Finger auf mich zeigen und mich fragen, warum ich dann Kunst veröffentliche. Die Antwort darauf ist einfach, vor allem, da ich keinerlei Profit mit meiner Kunst mache. Mir liegt unsere Kultur am Herzen. Jeder, der sich für das, was ich mache, interessiert, kann es betrachten, ohne irgendetwas dafür tun zu müssen. Wer sich nicht dafür interessiert, wird zu nichts gezwungen.

Ein weiterer Vorteil bei der Veröffentlichung ist die Kritik, die man im Idealfall bekommt.
Aber eben hier besteht eine neue Gefahr. Viele Künstler können mittlerweile Kritik schon gar nicht mehr von Konsumenten-Kommentaren unterscheiden. Na gut, man muss sie in sofern in Schutz nehmen, dass viele Kunstbetrachter selbst schon gar nicht mehr wissen, wie man kritisiert.
Im Endeffekt besteht Kritik jedoch lediglich aus Vorschlägen für bestimmte Dinge, die man aus Sicht des Kritikers "verbessern" könnte. Von Kritik darf sich ein Künstler nicht angegriffen fühlen. Er macht die Kunst, wie ich schon so oft geschrieben habe, für sich selbst. Trotzdem kann er die Kritik nutzen, um die Kunst mehr den eigenen Vorlieben anzupassen, zu neuen Ideen zu kommen oder sogar seinen Horizont zu erweitern.

Liebe Künstler, haltet bitte die Kritik in Ehren und lasst euch vom kapitalistischen Konsum nicht einschüchtern!




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Die Kolumne "Der Tanz über das Seil" von Ki Kaenpufuru steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported Lizenz..


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