Weblog
[Essay] Eine Welt, in der ich leben will – Kommunismus, Anarchie, Demokratie
[Zur besseren Lesbarkeit wird die High-Contrast-Ansicht oder die PDF-Datei empfohlen.]
Dieser Text ist ein Produkt reinen Entsetzens, denn was ich heute Nacht in Twitter lesen musste, war schockierend. Es es kam durch eine unbedachte Aussage eines Piraten zum Thema Anarchismus. Dass hierbei Anarchie mit Anomie verwechselt wurde, war noch das kleinste Übel; stattdessen gab es wüste Beschimpfungen gegenüber Anarchisten bis zur Unterstellung von Planwirtschaft, tyrannischem Markt und Selbstjustiz.
Zunächst einmal, um mit dem Grundbegriff zurecht zu kommen, sei gesagt, dass Anarchie eine gesellschaftspolitische Situation ist, dessen Vorstellung der Antike entstammt. Anarchismus ist die dazugehörige Lehre. Die Grundideen sind das Auflösen hierarchischer Strukturen und die freie Entfaltung des Individuums, wobei Ersteres in der Regel Letzterem dient. Dies bedeutet nicht, wie häufig angenommen, es gäbe keine sozialen Normen oder Gesetz, eine solche Gesellschaftsordnung nennte sich Anomie.
Die Abwesenheit von Hierarchien ist etwas, das den meisten, besonders den Piraten, sehr bekannt vorkommen sollte, denn es ist eben das, was man idealerweise als Demokratie bezeichnet. Das mag auf den ersten Blick verwirrend erscheinen, denn auf den ersten Blick würde man hinter der „Abwesenheit von Herrschaft”, denn das bedeutet Anarchie wörtlich, nicht die erstrebte Basisdemokratie erwarten, oder? Doch genau das ist es in der Praxis. In der Anarchie gibt es keine Hierarchien, jeder ist gleichberechtigt, hat dieselben Möglichkeiten, Chancen und Freiheiten. Somit hat grundsätzlich jeder dieselben Möglichkeiten, sich politisch zu beteiligen und trägt dieselbe politische Verantwortung. Ebenso ist es in der Basisdemokratie. Auch hier gibt es keine Abgeordneten, sondern jeder Mensch ist ein Beamter und hat staatliche Aufgaben. Realisierbar ist es über Crowdsourcing-Modelle, doch dies werde ich in einem anderen Essay näher erläutern.
Doch ist Demokratie nun mit Anarchie gleichzusetzen? Nein, denn sie geht weit darüber hinaus, indem sie ein konkretes Modell vorschlägt. Sehen wir uns dazu eine recht ähnliches Ideal an – den Kommunismus.
Kommunismus kommt Anarchie sehr nah, denn auch hier gibt es keine Hierarchien. Dennoch ist das Temperament ein anderes. Kommunismus hat das Wohl der Bevölkerung im Sinn, das durch Solidarität erreicht werden soll, während Anarchismus das Wohl des Individuums anstrebt. Damit orientiert sich letzterer sehr viel eher an der Realität, denn ersterer würde einen unmöglichen Altruismus voraussetzen, während Anarchie auf Egoismus beruht. Das Problem mit dem Altruismus ist das, dass der Mensch immer nur seine eigenen Ansichten und Bedürfnisse im Blick haben und daher nicht altruistisch handeln kann. Im Essay „Ethik – oder: Individuum gegen Gesellschaft” ging ich bereits detaillierter auf diese Problematik ein. Der große Vorteil im Egoismus des Anarchismus liegt darin, dass der Mensch eine erhöhte Chance hat, glücklich zu sein. Glück oder Glückseligkeit – um diesen ethischen Exkurs auch noch zu wagen – ist ein Zustand tiefster Erfüllung, dessen Voraussetzungen sehr subjektiv sind und somit beim Individuum liegen.
Der erfreulche Haken am Egoismus ist die Notwendigkeit der Solidarität. Erst dann, wenn die Gesellschaft, in der man lebt, funktioniert und diese Glückspotential hat, kann man selbst wirklich zufrieden sein. „Der Egoismus des Individuums ist der Altruismus der Masse.”, um diesen Satz erneut zu äußern, denn er beschreibt dieses nötige Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft ideal und ist auch Kernaussage der atomaren Differenzierung. Dies ist der Schlüssel des ganzen Problems und das Schloss ist die Demokratie.
Die Basisdemokratie im Sinne der atomaren Differenzierung vereint die Freiheit des Individuums zum Erreichen des Glücks mit dem Wohl der Bevölkerung, indem diese ein Solidarkollektiv aller Individuen in ihr darstellt und diese Bevölkerung gleichzeitig der Staat selbst ist.
Da das Ordnen dieser drei Begriffe etwas kompliziert sein mag, fasse ich noch einmal zusammen:
Anarchie ist das Auflösen von Hierarchien, im Vordergrund steht die Freiheit des Individuums zum Erreichen des Glücks.
Kommunismus ist das Auflösen von Hierarchien, zugunsten der Gesellschaft. Solidarität ist zwingend erforderlich.
Demokratie ist das ohne Hierarchien organisierte Zusammenleben in einem Solidarkollektiv, indem die Freiheit eines jeden Individuums gleich ist und Einschränkungen nur dort bestehen, wo das solidarische Zusammenleben gefährdet ist.
In allen drei Fällen gibt es Gesetz und Judikative und Staat und Bevölkerung sind dasselbe Kollektiv. Die Demokratie vereint die Vorteile und Ideen von Anarchie und Kommunismus, die ist beides. Und sie ist das Gesellschaftsmodell, das ich mir wünsche. Ich bin sicher, dass wir eines Tages in diesen Zustand kommen können. Eingetragen am 03.05.2012 um 16:14
Kommentare
10. Der Schelm[Twitter] schrieb am 03.05.2012 um 16:36:
Vielen Dank, dass das mal jemand klar gestellt halt. Eine Anarchie ist nicht mit "Chaos","Tod" & "Verderben" gleich zu setzen. Ganz im Gegenteil. In einer Anarchie gibt es keine Gewalt, da diese immer eine Form der Machtausübung(Hierarchie) wäre.
Grüße, der Schelm
